Antifaktistische Aktion

April 2022, Reality in 3G

Im Grunde wittere ich keine Gefahr, was daran liegen mag, dass ich am liebsten schnuppernd durch das Leben gehe. Schnuppernd nicht in dem Sinne, dass ich bei bestimmten Gerüchen mit dem Schwanz wedele und bei anderen knurre – kann ich beides – sondern am liebsten schnuppernd in dem Sinne, neugierig zu sein, wie das wohl riecht.


Neulich, es war mein zweiter Kneipenabend meines ersten Kneipenwochenendes seit Ewigkeiten, wurde ich auf dem Weg zum Klo von nebenher so angesprochen, wie das nun mal in Kneipen vollkommen zu Recht so ab und an geschieht.
Du bist doch der und der! Ich bejahte zögernd.
Du hast doch bei den Querdenkern gespielt.


Ich bejahte weniger zögernd, eher schon neugierig schwanzwedelnd, nicht auf Krieg gemünzt, sondern tatsächlich angetan von der Idee der Macht der Kneipe als Sozialplanschbecken. Austausch! Come together und so. Right now.
Dass das das, was man Ärger nennt, geben könnte, war mir auch klar, aber im Ernst? I`m back in the USSR! An gesellschaftlichen Ärger wegen meiner persönlichen (nichtmals politischen) Ansichten habe ich mich wie viele andere auch in den letzten Monaten wirklich gewöhnt.
Kein Mensch ist illegal. Keine Tendenz besorgniserregend. Tritte nur im Seitschritt, dankeschön. Apropos schön: In letzter Zeit denke ich viel an Hermann Hesse und seinen Mut zum durch Artikulation bezwungenen Leid. Also ab dafür, bekenne dich bloß, bevor du dich nicht mehr erkennst. Wenn‘s schon einer wissen will und wenn du noch an Worte glaubst.


Also ging ich pinkeln, holte mir mein Bier und setzte mich zum vorgeblich Neugierigen, bestätigte den vorgebrachten Vorwurf, belastete mich sogar selbst zusätzlich, indem ich hinzufügte, diesen Querdenker Getauften sogar meinen popeligen batteriebetriebenen Verstärker samt der Mikrofonlegende SM58 zur Verfügung gestellt zu haben. Warum? Weil ich es wichtig fand, dass da geredet wird. Dass dieser Haufen Querschnitt von Gesellschaft, über den nur noch geredet wurde, auch zum Miteinanderreden findet. Schiefe Statistiken, stramme Gesellschaft. War doch so und stehe ich zu.

Ich habe nicht jedes Wort gehört, was an diesen November- und Dezembertagen des letzten Jahres im usselig kalten Regen durch das Mikrofon gesprochen wurde, ich bin da ehrlich. Zu meiner Entschuldigung: Ich hab da wahnsinnig nette Bekanntschaften gemacht, im Ernst: Lauter Linke, die die Welt nicht mehr verstanden und damit völlig zu Recht von strammen Genossen nach rechts geschoben wurden. Das waren am Anfang mal hundert, mal zweihundert Menschen, drumherum Absperrband und Polizei, einmal eine robotergleiche Gegendemo, Prototypen des monoton versagenden Moralismus.

Und auf der anderen Seite wir, die narzisstisch bis nazistischen, statistisch stalinistischen Ungeimpften und ihre – tatsächlich und selbstverständlich – geimpft bis geboosterten zugeneigten Mitmenschen, deren Antennen ebenfalls Alarm schlugen (Sic!). Die meisten dieser Menschen kamen schwer verunsichert zusammen und erfuhren erst durch diese Mahnwachen offensichtlich und sehnsüchtig wieder ein Gefühl des Miteinanders.

Ich auch. Mea culpa.
Ich weiß, dass meine antifaschistischen Reflexe noch durchaus verlässlich sind, und ich weiß, dass alle, die mich kennen, das auch wissen, aber das muss man halt in erster Linie auch für sich selbst wissen, das muss einem nicht bescheinigt werden.
Naja, das wollte der mir Gegenübersitzende in seiner tumben Reflexmoral jedenfalls alles so gar nicht wissen. Der sagte eigentlich nur noch „Verpiss dich!” Immer wieder. Wenn ein Gespräch der reinen Selbstbestätigung dient, sollte man sich vielleicht eher an Siri wenden.

Zitiert mich zum Verhör an den Tisch und glaubt, mich nach dem ersten Satz meines umfangreichen Geständnisses wieder loswerden zu können. Ich musste mehrfach nachfragen, ob er das ernst meint, dass 80% dieser Leute irgendwas mit Holocaustverleugnung zu tun haben. Stante pede Auschwitz, so bitter wie taktlos. Eine FFP2-Maske, die mir den Mittelfinger zeigt, bringt mich maximal noch zu einem milden Lächeln und nun – das war neu und überfällig – Konfrontation ohne Maske, Reality in 3G. Mir gegenüber saß ein Mann, der noch keinen Pickel gesehen hatte. Der wollte nicht über Gaddafi reden, der kennt das alles nur von Insta. Ein reinporiger deutscher Jüngling, der sich auf die Fahne geschrieben hatte, mir zur Not des antifaschistischenVaterlandes die Schnauze zu polieren, ohne eine blanke Ahnung davon zu haben, wie das vonstatten gehen sollte.


Und ich wittere halt keine Gefahr. Ich bin viel zu sehr Teil dieser Gesellschaft, um mich von ihr diskriminieren zu lassen. Aber ich möchte warnen und warnen und warnen, ehe eher Soziologen als Mediziner das Post- Covid-Syndrom erforschen. Das, was mir entgegenschlug, war freislergleich im antifaschistischen Anstrich. Pardon und retour: Es ist offensichtlich möglich, die historisch formulierte Einmaligkeit des Faschismus in einer wachhundgleichen Überinterpretation zur Alltagsrhetorik umzuformen. Allein: Die Logik dahinter beißt sich derart in den eigenen Schwanz, da dreht der Wachhund durch.


Und durchgedreht ist er, als ich ihn gefragt habe, wo antiautoritäres Verhalten beginnt, ehe es sein Ende findet. Geflattert ist er durch die Kneipe wie eine petzende weiße Taube. Auf mich zeigend, andere ansprechend, substanzlos aufwiegelnd. Hässlich.
Als wir genug Selbstentwürdigendes gesehen hatten, beschlossen wir zu gehen. Ich und mein geboosterter Kumpel.
Nichts ist peinlicher als die Panik des bis gerade noch vermeintlich Korrekten. Und was bitte soll Linkssein ohne Zweifel sein? Lifestyle? Schade. Das muss man nicht verstehen, das war nur eine Kneipengeschichte. Was ich sagen will, das ist bloß, dass Kneipen Orte der Geselligkeit sind. Und dass sinnloser Hass jedem guten Witz unterliegt.


Ich wünsche uns allen beschränkungsfreien Zugang zum Zapfhahn und eine Menge Humor, um dem blühenden Frühling der Neurosen zu begegnen. Und Frieden. Den Ukrainern, den Russen, dir und mir. Den Clerasil-Faces, den Querdenkern, den Marschdenkern, den Scheißegalen, Wundersamen und all den taub gewordenen Tauben.
Frieden ohne Zuhören ist wie gerechter Krieg.
Und Pazifismus ist keine Dehnungsübung.
Lachsfisch!

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