09:00h, Kulturbahnhof Biesenthal


Gestern gab es Neumarkter Lammsbräu. Als ich leicht angehopft erwache, donnert gut fünf Meter entfernt von meinem Kopf ein Güterzug vorbei. Draußen schon wieder Sonnenschein, irgendjemand kocht Kaffee, an dem ich mich wie immer als erstes bediene, obwohl ich wie immer beim letzten Bier dabei war.
Am Abend zuvor haben wir unser Liedermacherwerkstatt-Auswärtsabschlusskonzert gespielt, aus bekannten Gründen dieses Mal vor und nicht im Kulturbahnhof Biesenthal, dessen herzliche Betreiber unser alljährliches und nunmehr fünftes Gastspiel dort als Kultveranstaltung bewerben – schon ein wenig zurecht, wie ich meine.
Hinter uns liegt eine weitere großartige Woche, in der uns das ProVie-Theater zu Hohenbüssow herzlich beherbergt und beste Bedingungen zum gedeilichen Liedermacher-Sein geboten hat.

Die Aufstellung für Hohenbüssow 2021 (v.l.n.r. & v.o.n.u): Melvin Haack (Berlin), icke, (Wuppertal),
Bjoern Reich (Gießen), Axel Stiller (Radebeul), Torsten Torsten (Leipzig), Peggy Luck (Leipzig), Stefan Ebert (Mannheim), Holger Saarmann (Berlin), Paula Linke (Leipzig) und Masha Potempa (Leipzig)

Der eigentliche Plan, den Abschied noch ein wenig hinauszuzögern, ist ein letztes Konzert in Berlin, das Paula Linke organisiert hat. Angesichts meines leicht optimierbaren Rückfahrtplans fällt meine Teilnahme leider flach, ich muss mich heute durch den DB-Regionalverkehr wühlen, um wenigstens einen Tag Puffer zu haben, ehe der Alltag wieder beginnt. Nach einer warmen Verabschiedung am Berliner Ostkreuz bin ich zum ersten Mal seit einer Woche allein. Irgendwie Richtung Westen und das Westlichste, das mir der Fahrplan an Regionalverbindungen anzeigt, ist Stendal, halbe Strecke zwischen Hamburg und Berlin, ein wenig westlich, zu weit nördlich, ein wenig Strecke in gut zwei Stunden, die ich größtenteils verschlafe. Kann man sich ja erlauben, wenn man eh immer zur Endstation fährt.


16:00h, Zwischenhalt Wittenberge
Schuhwechsel, raus aus den Sandalen, rein in Gesocks und Schnürschuh. Umstieg und Warten, der Zug nach Stendal kommt in über einer Stunde. Ziemlich leer alles, noch immer ziemlich heiß, aber irgendwann muss sie ja kommen, jene Wetterschneise, die mir in den letzten Tagen zwischen Ostsee und Berlin wunderbare Sommertage beschert hat, während der tiefe Westen eher in grauen Fluten zu ertrinken drohte, denn am Hitzschlag zu sterben. Wohlwissend, dass mit jedem Kilometer Richtung Westen es etwas weniger sommerlich würde, lasse ich mich mitten in der Sonne nieder. Schräg gegenüber ein Döner-Pavillon, dessen Separatorenfleischspieß schon bessere Zeiten gesehen hat, großer Bahnhofsvorplatz und ganz viel Eisenbahn: Ausgelagerte Mitropa-Speisewagen, vollgesprayte Reichbahn-Loks, alles verwittert ein wenig, das Bahnhofsgebäude selbstredend geschlossen, hier blättert der Lack, hier fühl ich mich wohl. Zumindest für eine Stunde.

Wittenberge zum Durchscrollen, fast eine Stadtrundfahrt.
Linke Seite: Toitoitoi, auf dass das schon weit vor Corona geschlossene Mitropa-Restaurant bald wieder einen Betreiber findet.

Rechte Seite: Ihr zu sagen, dass sie und vor allem ihre rote Tasche eine eher bildkompositorische denn zentrale Rolle spielen, habe ich mich nicht gewagt.
Heimlich fotografieren will gekonnt sein.


18:00h, Etappenziel Stendal
Weiter gen Westen – per S-Bahn. Unspektakuläre Fahrt, deren Bericht nur unnötig in Lästereien ausarten würde. Hier, wo Haus nicht Tür an Tür steht, baut man eigenwilliger.
Nach einer Stunde dann Stendal, wieder recht weitläufig, immer noch heiß, unglückliche Modernisierungsversuche der 90erJahre trüben die Optik ein wenig ein, Wittenberge – Stendal 1:0.
Bahn fährt ein, schon wieder pünktlich, Lieblingsplatz schon wieder frei. Sitze zweite Klasse ganz hinten in der Mini-Regionalbahn, die mich in der nächsten Etappe innerhalb einer Stunde nach Wolfsburg bringen wird, Grenz-Abschnitt also, für einen verhinderten DDR-Nostalgiker wie mich immer wieder eine aufregende Sache.
Kaum, dass wir Richtung Westen wollen, kommt aus dem Erste-Klasse-Kabuff in meinem Rücken der Schaffner. Ich zeige ihm mein QuerdurchsLand-Ticket, er knipst ein weiteres Mal ab, ich scherze, dies würde nun zur Sammelkarte und wir geraten ins Plaudern: Wohin es gehe? Wuppertal. Beide lachen. Er war mal in Düsseldorf, ich sage: Kenn ich nicht. Bin Kölner. Beide lachen. Mundnasenschutz verrutscht, fast umarmen wir uns. Wirklich eine schöne Begegnung, wer meinem Werk schon etwas länger folgt, erinnert sich vielleicht an einen Song namens „Böse Kontrolleuse“ – die Regel verschont die Ausnahme. Der Schaffner bleibt noch eine Weile bei mir stehen, setzt sich dann in die Sitzreihe nebenan, plaudert übers Berufsleben im privatisierten Schienenverkehr, um mir eine bald, jetzt aber wirklic gleich erscheinende architektonische Perle am Bahndamm zu zeigen – und irgendwann fahren wir dann tatsächlich im Sightseeing-freundlichen ÖPNV-Tempo vorbei: Eine Art Burg, komplett aus Findlingen gebastelt. Drachenland steht drüber. Erbaut im 21. Jahrhundert. Eine Perle schaut anders aus, aber bemerkenswert ist es allemale. Dann braucht jemand Hilfe beim Zugfahren und der Schaffner verlässt mich.
Schade, vielleicht besucht er mich ja nochmal hier hinten, kurz vor der ersten Klasse.

Zwei Stationen auf der Durchreise: Utzedel und ich. Keine weiteren Worte nötig.
Daneben die Mixtur verschiedener Modernen: Stendal kann sich nicht entscheiden, es ist das städtebauliche Wühltisch-Syndrom. Bemerkenswert: Die charmante Beschilderung des einzigen Bauwerks ohne Beton.

19:00h, Wolfsburg. Schneller Gleiswechsel, drei Minuten Umsteigezeit, Hände vollgepackt mit Gitarren- und Rollkoffer (Rock`n`Roll), die vorgedrehte Zigarette im Mundwinkel die erste, zufällig sehr schöne Frau nach Feuer fragend, praktischerweise steht sie gleich da.
Kurze Romantik im DB-Deutschland-Takt, dann steigt sie in den Zug, den ich gerade verlassen habe und ich in den, den sie wohl mutmaßlich verlassen hat. Go east, go west: Man kann viel über die Bahn schimpfen, aber bislang läuft diese langsame Reise quer durchs Land ziemlich nach Plan.
Letzter Zug in die Lungen und rein in den Zug nach Hannover und kaum, dass ich sitze, fange ich auch schon mit dem Tippen an, um dem Vergessen entgegenzutreten. Der Schaffner, dessen Namen ich nun kenne, der aber keine Rolle spielt, weil er sich selbst nur Zobi nennt, kam tatsächlich nochmal zurück zu mir. Wir verplauderten die gute Stunde durch´s flache, schwach besiedelte, sommerlandschaftlich beglückte Zwischenland, und was er dabei zum Besten gab, glaubt mir eh keiner. Über meinen Gitarrenkoffer kommen wir zum Thema Musik, er erzählt mir von seiner in den frühen 2010er-Jahren geschlossenen Kneipe, offenbar eine Institution in Magdeburg, die immer wieder große Musiker nach ihren Magedburger Gastspielen anzog wie das Licht die Motten.
Größte Stunde: Lemmi Kilmister selbst war drin, sein Management kündigte sich mit der Frage an, wieviele Flaschen Jack Daniel`s vorrätig seien. Fünf waren etwas knapp. Zobi zeigt mir ein Foto jener Kneipe, ein stattliches viergeschössiges Gründerzeithaus mit Ladenlokal im Erdgeschoss; große, runde Fenster, Ulme oder ähnliches davor. Wirklich hübsch. Magdeburg kenne ich bislang nur vom Bahnhof: Als ich die Liedermacherwerkstatt im Sommer 2018 verließ, fuhr ich ebenfalls per Bimmelbahn nach Hause. Damals gab es mit Melvin ein letztes Bierchen aus der einzigen Zapfenlage im trockenen Kilomoterradius um den Berliner Hauptbahnhof herum. Einzige Oase: Eine lahme Hotelbar, die an diesem Abend vor drei Jahren nicht nur zwei grandiose Liedermacher, sondern auch ein paar ganz okaye Eishockeyprofis anzog.

Linkes Bild: Ein paar Tage zuvor: Schreibarbeit im Reservat für freilaufende Liedermacher zu Hohenbüssow. Wäre dies ein Sanatorium, so wäre ich gerne verrückt.
Rechtes Bild: Melvin Haack und ich posieren possierlich für die Kamera. Die Wahrheit ist eine andere: Wir sind im ewigen Rechtsstreit um die wahre Version des Schlapphut-Blues(TM).

Mit Melvin und den Eishockeyspielern schnell angestoßen, einen Bekloppten bewundert, fix verabschiedet und ab in den Nachtzug nach Magdeburg, in dem ich damals eine Stunde Aufenthalt hatte. Erster Eindruck: Erst Bomben, dann Beton, wie so oft, aber schon eine Spur mehr trostlos. Heute, drei Jahre später, erfahre ich von Zobi: Gleich hinter jenem grauen Ring stehe dann aber schon hier und da wieder ein Gründerzeithaus und eben jene Kneipe, die mal der Mensch führte, der mich nun als Schaffner durch die Landschaft und Geschichte führt.

Vor der Kneipe – kurz nach dem Mauerfall eröffnet – war Zobi über einen See in Ungarn in den Westen gekommen, atemberaubende Geschichte von Grenzpolizisten, die zur Tarnung schicke Westkarren fuhren, zwei Versuche schlagen fehl, zwei Nächte im Gefängnis, der dritte schließlich gelingt zusammen mit zwei Berlinern, die er gerade erst im ungarischen Grenzknast kennengelernt hat. Mittels zwei Abschleppseilen miteinander verbunden, wateten die drei durch den maximal zwei Meter tiefen See und kamen schließlich in Österreich an.
Irre Geschichten, die mir da geboten werden, während wir tatsächlich durch dieses Grenzland tuckern. Die ehemalige Grenze zeigt sich kurz vor Wolfsburg als winzig kleiner Bach, den ein Kind spielend überspringen könnte und dann nahen auch schon die großen, ziegelsteinernen Fabrikschlote jener auf Arbeit getrimmten Stadt.
Herzliche Verabschiedung von Zobi und vom Osten, ich gebe ihm das vierte Exemplar meiner im September offiziell erscheinenden neuen Scheibe und reise weiter. Nun also Wolfsburg. Wirklich schäbig. Stinkt vollkommen ab gegen den leicht ange- bis verfallenen Charme, der weite Strecken Brandenburgs und Mecklenburg Vorpommerns ausmacht.
Statt satter Wiesen, Wälder und verfallenen Jagdschlössern nun Schlote und Stahl, moderne Hässlichkeit, Rationalität und Wolken. Dass jene Wetterfront gerade über der Badstraße der deutschen Städte verläuft, ist ebenso wenig Zufall wie meine Begegnung mit dem besten Schaffner der Welt. Auf dich, Zobi! (Zum originellen Bierinstitut, wer diesem Hinweis folgt, landet eventuell auf der noch immer online geschalteteten Homepage einer Kneipe, in der Lemmy Kilmister die Whiskeyvorräte nach Plan vernichtete.)

Vorher, nachher: Unser Abschlusskonzert vor dem ProVie-Theater.
Links die unbemannte Bestuhlung aus originalem NVA-Bestand. DA BLUTETEN REKRUTENHINTERN.
Rechts ihre heutige Nutzung. Soll noch mal einer sagen, alles würde immer schlechter.




Endlich wieder unterwegs, was hat das gefehlt. Nicht nur das Spielen, das Singen nicht nur die innige Begegnung mit wohlbekannten oder glücklicherweise sich gerade erst frisch kennenlernenden Mitmenschen, nein, das ganze auf dem Weg sein. Das ganze Wirken lassen. Das ganze Gucken und mal gucken.
Ein wenig was habe ich begriffen: Ich bin nicht auf der Durchreise. Ich bin unterwegs. Es ist egal, ob ich es mit meinen Liedern zu einem Grundstück auf Hawaii bringe, es ist egal, ob mein Kühlschrank durch meine Kunst voll wird. Wichtig ist nur, dass ich es tue, dass ich es mache. Etwas Besseres fällt mir nicht ein und das ist gar nicht mal so wenig.
Gleich also Hannover. Zwanzig Minuten Umsteigezeit. Luxus im Üblichen. Hannover ist auch langweilig. Fast ganz Niedersachsen ist langweilig, sofern es bebaut worden ist. Grüße ins Weserbergland und Tschuldigung an den Rest des Maschmeyerschen Fürstentums.

Einzig der Regen bringt ein wenig Farbe in diese Stadt (siehe Beweisfoto). Von Hannover würde es nun planmäßig mit der S-Bahn nach Minden gehen, beispielsweise vorbei an Seelze, Wünsdorf und Bückeburg. Von Minden dann quasi schon fast, aber wirklich nur fast ein Hauch von Heimat: Porta Westfalica, Bad Oeynhausen, weiter, weiter, Gütersloh, Oelde…Hamm. Von Hamm dann nach Hagen (heimliche Lieblingsstadt, da kann sich manche ostdeutsche Stadt eine Scheibe Ranz abschneiden!) und von Hagen dann ins Wuppertal. Planmäßige Ankunft: 00:57h. Wenn denn alles glatt geht.
Ein wenig müde von dieser Vorstellung taumle ich durch die tumbe Geschäftigkeit des Hannoverschen Hauptbahnhofs: Mall mit Gleisen. Und alle sind sie da, die Donuts und Fettpizzen, die Chickenwingoutlets und die Bubbleteas, das ganze grelle pinktürkis. Schau nicht zu genau hin, mein Freund. Die Welt ist mehr und schöner als all die absurde Alltäglichkeit kapitalistischer Ballungszentren.
Immerhin: Die einzig anständige Konsumstelle, der SPAR!-Bahnhofsshop, wartet mit Münchner Spaten auf. Endlich ein Bier.
Wieder draußen leuchtet auf der Anzeigetafel der in zehn Minuten Hannover verlassende und zwei Stunden später in Wuppertal einlaufende ICE ein. Keine Frage. Ich setze mein Konfirmantenlächeln auf, verstecke dieses unter einer OP-Maske und frage den borsthaarigen Schaffner in der angesichts der Umstände angemessenen devoten Haltung um Hilfe.
Erzähle von meinem morgendlichen Erwachen im Kulturbahnhof, erfinde die eine oder andere Komplikation und klemme mir immer wieder die OP-Maske mehr als vorbildlich ganz fest an die Nase, bis es fast blutet. Zeige ihm das abgelaufene ICE-Ticket und das dazugekaufte Querdurchsland-Ticket und er hört und schaut und lässt sich nicht in die Karten schauen . Pokerface lässt mich zappeln und dann darf ich mich setzen und nun sause ich an all den kleinen Städten, Dörfern und Bahnhöfen im Nix vorbei, ab und an lassen wir eine S-Bahn hinter uns, in der ich zwei, drei Touren später hätte sitzen können. Aber S-Bahnfahren in Niedersachsen? Das ist ja wie Durchfall in Zeitlupe. Nochmals tschuldigung, ich mache mir jetzt ein Bier auf. Prosit, auf dich DB. Ich hab dich so gerne, ich möchte, dass du uns gehörst.

Der letzte Vergleich. Vergleichen Sie doch mal Hannover und Bielefeld. Das macht süchtig.
Am Ende klarer Punktsieger? Bielefeld.
Bemerkenswert die Romantik zwischen zwei Baggern, eifersüchtig beäugt vom DB-Lastenroboter.

It`s a longway home from Hohenbüssow: Ein Reisebericht.

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